Vereinbarkeit von Familie und Beruf

Vereinbarkeit von Familie und Beruf

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ – nie war dieses afrikanische Sprichwort bedeutungsvoller als heutzutage. Denn in Zeiten, in denen beide Elternteile erwerbstätig sein müssen oder wollen, sollten sie jede Hilfe annehmen, die sie erhalten. Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist noch immer ein komplexes Thema. Doch kann es wirklich gelingen, Familie, Haushalt und Berufstätigkeit zu stemmen?

Ein verändertes Rollenmodell

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Rollenmodell in Deutschland geändert. Früher war der Mann, zumindest in Westdeutschland, der Alleinverdiener, während seine Frau Haus und Kinder hütete. Vielen Frauen genügt dies jedoch heute nicht mehr. Sie sind zunehmend besser ausgebildet und bestehen auf ihrer Berufstätigkeit.

Erwiesenermaßen macht diese viele Frauen zufriedener und sorgt für finanzielle Unabhängigkeit und eine gewisse Sorglosigkeit. Doch die Berufstätigkeit beider Elternteile hat nicht nur Vorteile. So machen verschiedene Probleme den Familien das Leben schwer.

Wie sieht’s mit den Kitas aus?

Für Kitas sowie Tagesmütter gibt es oft lange Wartelisten. Nicht jede Familie, die einen Kitaplatz braucht, erhält auch einen, obwohl es seit 2013 einen Rechtsanspruch darauf gibt. Auch wenn ein Platz in der Krippe oder Kita gefunden wurde, heißt das noch lange nicht, dass man mit diesem zufrieden sein kann.

Zunächst ist nämlich ein Fahrtweg von etwa dreißig Minuten zumutbar. Dies bedeutet nicht nur, dass die Kinder mit etwas Pech jeden Morgen durch die halbe Stadt gefahren werden müssen. Auch für die spätere Einschulung hat dies Folgen, denn Junior wird natürlich nicht mit seinen Kitafreunden eingeschult, wenn diese in einem anderen schulischen Einzugsgebiet wohnen.

Das schlechte Gewissen als ständiger Begleiter

Ist man bereit, sein Kind jeden Morgen dreißig Minuten zur Kita zu bringen, kommt eventuell erschwerend hinzu, dass die Kita unterbesetzt ist oder ihre Erziehungsmethoden nicht den eigenen Vorstellungen entsprechen. All dies muss jedoch nebensächlich sein, denn im Vordergrund steht, überhaupt einen Platz ergattert zu haben.

Eine Betreuung durch die Großeltern ist nicht in jedem Fall möglich. Solche und ähnliche Dinge tragen zum schlechten Gewissen bei, das gerade berufstätige Mütter häufig plagt.

Ohne Management geht gar nichts

Davon abgesehen, brauchen erwerbstätige Eltern oft regelrechte Management-Skills, um den durchgetakteten Alltag zu meistern. Der Zweijährige möchte morgens versuchen, seine Socken selbst anzuziehen? Der Milchbecher ist umgefallen? Die Windel ist gerade dann wieder voll, wenn der Schneeanzug bereits angezogen wurde?

Nicht selten hetzen Familien durch den Morgen statt entspannt ein Frühstück und einen lockeren Spaziergang zur Kita zu genießen.

Das Kind weint beim Abgeben? Keine Zeit, das Büro wartet! Und als ob dies gerade den Müttern nicht schon schwer genug auf den Schultern lastet, kommt die eine oder andere spitze Bemerkung von Bekannten oder auch Fremden. Wie kann Mama es wagen, berufstätig zu sein?

Mental Overload

Der sogenannte Mental Load bleibt dabei meist noch immer an den Frauen hängen. Dieser psychologische Fachbegriff bezeichnet unter anderem gewisse Dinge im Familienalltag, die erledigt werden müssen, von anderen Menschen allerdings nicht wahrgenommen werden.

Darunter fallen Arzt- und Spieltermine, Geburtstage und Geburtstagsgeschenke, die organisiert beziehungsweise besorgt werden müssen, passende Kleidung, die gekauft werden, Kuchen, der für Kita oder Vereine gebacken werden muss, und vieles mehr. Mit der linken Hand stemmt Frau die Welt, mit der rechten bietet sie lächelnd Getränke an.

Also als Frau doch zu Hause bleiben?

Kein Wunder also, dass sich auch heute noch viele junge Frauen dafür entscheiden, beruflich kürzer zu treten. Die Zahl der Frauen, die zumindest bis zum dritten Lebensjahr des Kindes zu Hause bleibt, hat sich in den letzten Jahren nicht weiter erhöht. Oftmals sorgt der noch immer vorhandene Gendergap dafür, dass die Frau beruflich eine Auszeit nimmt.

In anderen Fällen liegt es an ungünstigen Arbeits- und natürlich nicht optimalen Betreuungszeiten. Von paradiesischen Betreuungszuständen, wie sie in Ländern wie Frankreich oder Schweden herrschen, ist Deutschland weit entfernt.

Einmal umdenken, bitte!

Doch woran genau liegt das?
Zunächst einmal ist in deutschen Köpfen noch immer das Idealbild der Familie verankert: Er verdient die Brötchen, sie sorgt für ein gemütliches Nest. Daran ist nichts Falsches, wenn beide es wollen. Allerdings möchte eben nicht jede Frau – und auch nicht jeder Mann – jahrelang auf eine Arbeitsstelle verzichten. Die Probleme beginnen dann, wenn man feststellt, dass kein Kitaplatz vorhanden ist.

Dies liegt oft genug an den zu unattraktiven Arbeitsbedingungen von Erzieherinnen und Erziehern. Zu schlechte Bezahlung, eine hohe Stressbelastung im Job, eine relativ geringe Wertschätzung und die steigende Erwartungshaltung von Eltern sorgen dafür, dass pädagogische Fachkräfte Mangelware sind.

Daran muss sich etwas ändern. Der Beruf des Erziehers beziehungsweise der Erzieherin muss für junge Menschen wieder attraktiver werden. Der Kita-Ausbau funktioniert nur dann, wenn es auch Kräfte dafür gibt.

Schlechter Kita-Ausbau: Die Sorge der Eltern!

Die Quote an Fachkräften darf nicht weiter gesenkt werden, da dies für ein schlechtes Gewissen bei den Eltern sorgt. Nur Eltern, die ihre Kinder gut aufgehoben wissen, geben sie auch in die Betreuung. Längere Betreuungszeiten sind dabei ein absolutes Muss.

Viele Menschen arbeiten im Schichtbetrieb und auch dafür muss es Betreuungsmöglichkeiten geben. Ganz wichtig ist allerdings auch die öffentliche Meinung: Nur weil eine Mutter arbeitet, ist sie noch lange keine Rabenmutter! Im Gegenteil: Eine zufriedene Mama ist eine gute Mama.

Private Lösungsansätze

Doch was tun, wenn sich nichts ändert? Oder wenn Reformen zu lange brauchen, um etwas zu bewirken?
Privat sollten berufstätige Eltern jede Hilfe annehmen, die sie erhalten können. Oma und Opa sind oft unabdingbar, um Lücken zwischen den Betreuungszeiten zu schließen. Sind keine Großeltern vorhanden, gründen Sie ein Netzwerk! Helfen Sie sich gegenseitig aus.

In vielen Städten gibt es außerdem die Möglichkeit, Wellcome zu nutzen. Dies ist ein Verein, der den Kontakt zwischen jungen und alten Menschen herzustellen versucht. Dort bieten Senioren kostenfreie Kinderbetreuung an und werden zu einer Leihoma beziehungsweise einem Leihopa.

Fragen Sie sich selbst…

Können Sie es sich leisten, delegieren Sie die Hausarbeit an eine Putzfee und die Gartenarbeit an einen Gärtner. Lassen Sie sich Einkäufe nach Hause liefern. Auch Saug- und Mähroboter erleichtern das Leben. So wird Ihnen bereits eine große Last von den Schultern genommen.

Und wie auch immer Sie sich entscheiden: Begraben Sie das schlechte Gewissen. Denn die Einstellung, eine berufstätige Mutter sei eine Rabenmutter, ist in unseren modernen Zeiten definitiv antiquiert.